Quiet Vacationing: Geht der Trend zum heimlichen Faulenzen?
“Wir erstellen redaktionelle Inhalte für Ihre HR-Praxis. Fundiert recherchiert, auf aktueller wissenschaftlicher Evidenz basierend und kritisch eingeordnet.”
Urlaub nehmen, ohne Urlaub zu nehmen – genau das steckt hinter Quiet Vacationing. Was auf den ersten Blick nach Tricksen aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Symptom für hohe Arbeitsbelastung, permanente Erreichbarkeit und eine Kultur, in der Erholung zwar eigentlich gefordert, aber auf der anderen Seite häufig nicht wirklich ermöglicht wird.
Was genau bedeutet Quiet Vacationing also, wie verbreitet ist das Phänomen und was können Führungskräfte dagegen unternehmen?
Was ist Quiet Vacationing?
Quiet Vacationing ist ein relativ junger HR-Trendbegriff, den man im Deutschen als „stilles Urlauben“ übersetzen könnte. Hierbei sind Mitarbeiter während ihrer Arbeitszeit heimlich abwesend, ohne offiziell Urlaub genommen zu haben.
Die freie Zeit – die sogenannte Quiet Vacation oder Silent Vacation – nutzen sie für kurze Trips oder eine Reise ins Ausland. Währenddessen bleiben sie erreichbar und versuchen ihre Abwesenheit zu verschleiern, indem sie beispielsweise auf Nachrichten antworten oder E-Mails an ihre Kollegen schicken, arbeiten aber nicht produktiv.
Hush-Trips – ein verwandtes Phänomen
Die Quiet Vacation ähnelt einem anderen Trend, nämlich den Hush-Trips. Dieser Begriff kam im Jahr 2023 verstärkt auf und beschreibt das Phänomen, dass sich Mitarbeiter keine heimliche Freizeit, sondern eine Workation erschleichen. Konkret bedeutet das, dass Mitarbeiter ohne vorherige Absprache aus dem Ausland arbeiten. Das passiert meist in Unternehmen, die eigentlich keine Option zur Workation anbieten.
Einer SAP Concur-Studie zufolge haben 14 % der Mitarbeiter schonmal Hush-Trips von über einer Woche gemacht. Dabei vermeideten sie bewusst ihre Aktivitäten auf den Sozialen Medien, um ihren Standort vor den Kollegen zu verbergen, verwendeten virtuelle Hintergründe für Videocalls und arbeiteten zu den üblichen Arbeitszeiten der heimischen Zeitzone trotz Zeitverschiebung.
Lust auf neue HR-Impulse?
Dann melden Sie sich für unseren „Work Healthy”-Newsletter an!
Wie verbreitet ist Quiet Vacationing?
Heimlich Urlaub machen – das funktioniert nur für diejenigen Mitarbeiter, die (zumindest teilweise) im Homeoffice arbeiten. In Deutschland war das im letzten Jahr knapp jeder Vierte, so das ifo Institut. Im Durchschnitt arbeiteten die Deutschen dabei an 1,6 Tagen pro Woche von zu Hause, genauso wie die US-Amerikaner.
USA: 3 von 10 gehen auf Quiet Vacation
Der Quiet Vacationing-Trend kommt aus den USA, und das nicht ohne Grund: Eine Untersuchung des Marktforschungsinstituts The Harris Poll ließ 2024 aufhorchen. Demzufolge haben fast 30 % schon einmal unangemeldet freigenommen – bei den befragten Millennials waren es mit 37 % sogar besonders viele.
Deutschland: Kein Trend zum heimlichen Urlaub
Der amerikanischen Studie steht für Deutschland eine YouGov-Studie gegenüber, die ein ganz anderes Bild zeichnet. So gaben lediglich 5 % der Deutschen an, schonmal unangemeldet Urlaub gemacht zu haben. Auch hierzulande waren die Millennials mit 14 % die Generation, die am häufigsten Quiet Vacation betreibt.
Wenngleich in Deutschland und den USA ähnlich viel aus dem Homeoffice gearbeitet wird, unterscheiden sich die Zahlen also deutlich. Das hat jedoch nichts mit Faulheit zu tun, sondern mit kulturellen Unterschieden.
In den USA gibt es keinen gesetzlichen Mindesturlaub, viele Beschäftigte kommen nur auf rund zehn Urlaubstage, während in Deutschland mindestens 20 Tage vorgeschrieben und deutlich mehr üblich sind. Hinzu kommt eine ausgeprägte Always-on-Kultur in den USA, während Erholung in Deutschland strukturell vorgesehen und sozial akzeptiert ist. Gleichzeitig beruhen die Studien auf Selbstauskünften, weshalb bei Quiet Vacationing von einer gewissen Dunkelziffer auszugehen ist.
Gegentrend: Im Urlaub weiterarbeiten
Doch auch in Deutschland führt die ständige Erreichbarkeit, die häufig durch Homeoffice verstärkt wird, zu einem ganz anderen Trend als Quiet Vacationing. So ist die Mehrheit der deutschen Arbeitnehmer nicht während ihrer Arbeitszeit am Urlauben, sondern während der Freizeit am Arbeiten.
Über 57 % der Beschäftigten arbeiten auch während ihrer freien Zeit – knapp 20 % davon tun das sogar regelmäßig, so eine Appinio-Umfrage. 7 von 10 fühlen sich im Urlaub gar dazu verpflichtet, erreichbar zu sein. Das Problem scheint in Deutschland also nicht das stille Urlauben zu sein, sondern das Arbeiten während der freien Zeit.
Das können Führungskräfte gegen Quiet Vacation tun
Was können Sie als Führungskraft tun, wenn sie Quiet Vacationing im Team vermuten?
Die gute Nachricht vorab: Die meisten Mitarbeiter nehmen sich die heimliche Freizeit nicht aus Boshaftigkeit, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht so erscheinen mag. Meist tun sie es, weil der Arbeitsdruck zu hoch ist, um sich offiziell frei zu nehmen, sie unzufrieden mit dem Arbeitsklima sind oder durch fehlende Vertretungsregelungen das Freinehmen schlicht unmöglich ist.
„It’s up to HR and business leaders to encourage a sustainable approach to work-life balance that allows employees to fully disconnect without fearing repercussions.“ (Karyn Rhodes für Forbes)
Quiet Vacation ist also häufig eine Folge von strukturellen Problemen im Unternehmen. Aus diesem Grund können einige kurzfristige und langfristige Maßnahmen das Phänomen entschärfen:
Definieren Sie klar, was Urlaub ist, ob und inwiefern Mitarbeiter eine Workation durchführen dürfen und in welchem Rahmen Abwesenheiten oder Standortwechsel kommuniziert werden müssen. Halten Sie diese Regeln schriftlich fest und speichern Sie für alle Mitarbeiter einsehbar an einem Ort ab. Auf diese Weise schaffen Sie die Grundlagen, an denen sich Ihr Team orientieren kann.
Legen Sie fest, in welchem Zeitraum ein Urlaubsantrag genehmigt wird, um die Einreichung für Ihre Mitarbeiter attraktiver zu gestalten. Idealerweise sollte das möglichst schnell passieren, z. B. im Regelfall innerhalb von 48 Stunden.
Es sollte innerhalb des Teams ein klares Vertretungssystem geben. Nur so können Mitarbeiter ihren Urlaub mit gutem Gewissen planen, ohne die Sorge, nach der Rückkehr ein Chaos vorzufinden oder Versäumnisse aufarbeiten zu müssen.
Als Führungskraft müssen Sie das erwünschte Verhalten unbedingt vorleben. Auch Sie sollten also im Urlaub (außer in Notfällen) nicht ständig erreichbar sein, Nachrichten schreiben oder spontan in einem Termin erscheinen. Denn Ihr Verhalten schafft die Vorlage für das, was Ihre Mitarbeiter als normal und angemessen im Unternehmen empfinden und an dem sie sich orientieren.
Die Grundlage allen Übels ist meist, dass Abwesenheit subtil sanktioniert wird, während Erreichbarkeit belohnt wird. Führungskräfte sollten daher gezielt die psychologische Sicherheit fördern. Das heißt konkret: Urlaub ist statusneutral, nicht erklärungsbedürftig und hat keinerlei negative Auswirkungen auf Leistungseinschätzung oder Karriere.
Sollten Sie Quiet Vacationing bemerken, sollten sie dringend dagegen vorgehen. Nicht nur für die kurzfristige Produktivität des Mitarbeiters, sondern auch, weil er – ohne es zu merken – selbst auch gar nicht von dieser Aktion profitiert.
„Without truly unplugging from work and establishing work-life boundaries, employees are more likely to burn out over time, negatively impacting their well-being and productivity. […] The most effective strategy to recharge and mitigate burnout is prioritizing time away from work.“ (Karyn Rhodes für Forbes)
Welche rechtlichen Konsequenzen drohen?
Wie sieht es zuletzt rechtlich aus, wenn Mitarbeiter Quiet Vacationing betreiben? Rechtlich ist der Trend kein Kavaliersdelikt. Wer ohne Genehmigung Urlaub nimmt, obwohl er arbeitsvertraglich zur Arbeitsleistung verpflichtet ist, begeht eine Pflichtverletzung. Je nach Fall kann das als Arbeitszeitbetrug oder unentschuldigtes Fernbleiben gewertet werden und es können Konsequenzen folgen, darunter Abmahnung, Entgeltkürzung und im Wiederholungs- oder Vertrauensbruchfall sogar verhaltensbedingte Kündigung.
Das Wichtigste in Kürze
Quiet Vacationing ist ein HR-Trend, der die heimliche Abwesenheit eines Mitarbeiters während der Arbeitszeit beschreibt.
Das Phänomen ist in den USA deutlich verbreiteter als in Deutschland, vor allem wegen weniger Urlaubstagen und einer stärkeren Always-on-Kultur. In Deutschland zeigt sich eher der Gegentrend: Arbeiten im Urlaub statt heimlich Urlaub machen.
Quiet Vacationing entsteht meist aus Arbeitsdruck, fehlenden Vertretungsregelungen und mangelnder psychologischer Sicherheit, nicht aus Bequemlichkeit.
Klare Regeln, einfache Urlaubsprozesse, gelebte Vorbilder und echte Erholungskultur sind die wirksamsten Gegenmaßnahmen.
Rechtlich ist Quiet Vacationing riskant: Heimliche Abwesenheit kann als Pflichtverletzung sanktioniert werden.